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SPEISING Open

31.12.07 @ 15:30

der erlesene Geschmack

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vorerst wuensche ich das Froehlichste und bitte um Verzeihung fuer laenge Nichtbloggingzeiten . Keine Ausreden - es geht um Neues:

Vorweihnachtlich werden hedonistisch Interessierte durchaus damit konfrontiert, dass der Weinkenner und/ oder Geniesser mit erlesenem Geschmack zu beschenken sei. Nun, das mutet immer etwas eigen an in einem Land in dem beispielsweise Design mit einem Fluss in Frankreich verwechselt wird, wo das Dorotheum noch immer als Mekka allen Stils gilt, wo Mode fuer ein Dorf in Suedostanatolien gehalten wird und geistige Faulheit als Gemuetlichkeit verstanden wird, aber bitte. Zumindest, so bekommen wir vermittelt, beim Saufen - pardon - beim Weingeniessen kennen wir uns aus.

Da darfs dann sogar Design sein - aus Kufstein meistens - so wird s empfohlen.

Und bei so viel erlesenem Geschmack faellt mir eine ziemlich witzige Geschichte ein, die mir kuerzlich ein ziemlich intelligenter Mann in Bremerhaven erzaehlte. Sein Forschungszentrum beschaeftigt sich seit Jahren mit Geschmack, versucht zu verstehen was wir schmecken, wie Mundgefuehlt zu bewerten ist oder was wir riechen. Letzteres ist gar nicht so erforscht, wie wir meinen. In Wahrheit kann der Mensch noch gar alle 350 (zirka) Duefte, die wir wahrnehmen tatsaechlich identifizieren. Find ich gut dieses Mysterium.

Zurueck zum Thema: In Bremerhaven versucht man die Gerueche von Wein exakt zu erforschen. Und dabei muss mittels Tests zuerst ermittelt werden, welche Weingerueche eigentlich gemocht werden. Tja und Moegen oder Nichtmoegen ist bekanntlich ziemlich abhaengig von allen moeglichen Begleitumstaenden wie Sozialstatus, kultureller Zugehoerigkeit, Alter,.... und letzteres bringt mich zum Kern der Geschichte: aeltere Herren stehen auf aeltere Weine - juengere Leute koennen sich ja nur juengere Drinks leisten - und dabei besonders auf spezielle Gerueche. Ueberraschenderweise bevorzugen besagte Herren (auch erkennbar an den riesigen Glaesern) einen etwas eigentuemlichen Geruch - einen Duftstoff von Plastik. Der Geruch von einem speziellen Kunststoff erregt manchen Weinkenner/ -geniesser. Warum fragte man sich in Bremerhaven???

In den Jahren des Wirtschaftswunders war nicht Wein das Objekt der Begierde, sondern technische Geraete - Radios, Fernseher, Plattenspieler - kaeufliche Fetische der fuenziger und sechziger Jahre. All diese Wunderwerke waren in Plastik verpackt, einem Kunststoff, der ziemlich speziell roch - wie jene alten Weine, die jetzt ihr Geld kosten - wie die Fetische der Gegenwart. Ziemlich gut, oder, wie Plastik zu Wein wird - das ist fast religioes.

Eine kleine Retrogeschichte zum neuen Jahr.
Und dafuer wuensche ich euch allen das Allerbeste!

15 Kommentare | Kommentar abgeben

epicuria, 08.01.08 @ 23:48

schwer verunsichert
ob der piccolo'schen nasen, ob sie nun gluca oder pekti heißen mögen, werd' ich überdenken, welches LEBENSmitel überhaupt noch seine unschuld besitzt.
ich sehe mich also fürderhin mein eigenes getreide auf vorher sorgfältig von umweltgiften gesäubertem boden anbauen - in möglichst gesunder höhenluft, mit dem wein werd' ich wohl auch so verfahren müssen - nur der will sicher wieder ein anderes terroir als mein täglich brot. das von hand mit völlig gesundem futter aufgezogene schweindl kann ich eh nicht essen, weil es zum haustier mutiert ist - was also bleibt mir noch?
andererseits, wenn ich es genau bedenke, bin ich mit der gnade der frühen geburt gesegnet. all diese auswüchse, wie piccolo sie so eindringlich geschildert hat, betreffen nur mehr das maximal letzte viertel meines lebens. die ersten drei hab' ich sicher auch nicht gesund gelebt, nur war es mir nicht so bewusst und eher egal.
ich werde mich aber bemühen, meine fleischlichen und "spirituellen" gelüste kurz zu halten und statt essen musik zu mir zu nehmen - oder ist die auch schon durch nasen verunreinigt? kubse!!!!! talk to me!!
btw: am freitag sitz ich 3. reihe parkett. in erwartung deiner höhepunkte werd ich in den orchestergraben spechteln, wenn rolando grad nicht singt ;))

dschungeltier, 08.01.08 @ 22:51

ist dieser piccolo
ein böser oder ein guter?
oder ein ganz guter böser?
oder doch ein ganz böser guter?
na gut, mich unterhälts ganz hervorragend und trägt nebstbei zu meiner bildung bei
danke, guter böser oder böser guter

PICCOLO, 08.01.08 @ 21:06

KÜSS DIE HAND FRAU KERKERMEISTER!
Ich bin wieder da! Zum Jahreseinstand meine Meinung:

In diesen Worten „Der erlesene Geschmack“ steckt viel Wahres.. Man „erliest“ sich ihn in der Tat! Ob in der Berliner Morgenpost, Süddeutschen Zeitung, Feinschmecker oder Billa Reklame. Man muss lesen können. Solche Existenzen die das nicht lesen können sind zur „Zungenkrudheit“ verdammt. Sie orientieren sich in einem schmalen Spektrum zwischen Essigsauer und picksüß. Das reicht für 60 Schnellimbissformen und bringt sie durch alle Länder dieser Erde. Die Geschmacksnerven sind bei fast 100% der Menschen sowieso schon etwas völlig Zurückgebildetes ein toter Entwicklungszweig ihrer Evolution. Zuerst hatte der Mensch viele tausende Jahre Eintöniges zu kauen, und jetzt seit der Wohlstand allerorts ist einen Überfluss der absolut expliziter Interpretation bedarf. Das zu übernehmen treten die staatlich geförderten Geschmacks - Wissenschafter und Interpreten an.

Sie erklären uns die Welt zwischen Aal und Zwischenrippenstück mit einer Lüsternheit die uns das Wasser im Mund fließen, und die Geldscheine aus dem Börserl schießen lassen soll.
Als interessante Nebenerscheinung wird man bald soweit sein, dass man aus den bisher fortgeworfenen Abfällen das alte Sammelsurium (eine mittelalterlich Speise, Personalessen aus Speisenresten) in völlig neuem Kleid auferstehen lassen kann. Bunt gefärbt und mit wandelbaren Geschmäckern für jede Alters- und Intelligenzgruppe.

Die Surimi Forscher sind den halben Weg schon gegangen, bis sie in der Lage sind, dass aus den jetzt stinkenden Müllbergen Neapels vielleicht recht resche Fleischpflanzl und Pizzaleberkäse werden. Die Chinesen haben ja jüngst ihre weltweit verkauften Dimsum Bällchen mit Altkartons Pappmaschee gefüllt.
Die Geschmacks - Metamorphosen passieren ja in großem Umfang seit langem bei Getränken die man immer wieder an den Wohlstands-geschmack anpassen muss. Künstliche Enzyme machen Weine trinkbar, gewünschte Geschmacksrichtungen stabil, klären Bier und Schnaps besser, reifen Käse und färben Jeans.

So belegte Zungen wie sie diese Zeit erschafft, brauchen ihren Meißel in Form von mit raffinierten Substanzen aufbereiteten und mit geschliffener Rhetorik interpretierten Beeinflussung. Krass, scharf, beeindruckend, zum „Niederknien“. Herren und Sklaven. Apfel und Birne haben verloren. Unreife Südfrüchte, her damit.
Früher hatten zumindest gut betuchte Gesellschaften eine gewisse Zeit sich einen Geschmack heranzubilden. Bis einer ein Weinkenner war soff er 1000 Flaschen. Heute müssen die durch glückliche Umstände schnell zu Geld gekommenen sich ihren Geschmack möglichst schnell „erlesen“, damit sie wissen was ihr tauber Fleischlappen der da zwischen Gaumen und Kinnlade aus dem Schlund baumelt, vor sich hat. Wenn der Riechkolben gar ein Loch hat, dann ist die Zunge neben den Geschlechtsorganen noch das am besten benutzbare Gefühlsorgan.
Ob jetzt das romantische „Weinderl“ mit gentechnisch veränderten Pektinasen, Glucanasen, erlesen gemacht wurde schert in Wirklichkeit Niemanden. Wir leben vom Geld, und die Welt?: Sie will betrogen sein.

Anmerkung: Glucanasen die vielen Weinen und Bieren zu besserer Qualität verhelfen werden auch im Tierfutter zur besseren Ausbeute verwendet, und soll nicht nur Schweine sondern auch Bier und Weintrinker recht fett machen.

Und Achtung liebe Speisinger:

Lebensmittel-Enzyme gelten nicht als Zutat und werden nicht auf der Zutatenliste aufgeführt. Eine Kennzeichnung im Hinblick auf die Herstellung mit gentechnisch veränderten Mikroorganismen ist daher nicht vorgesehen.

Euer PICCOLO

kubse, 08.01.08 @ 01:29

Na dann, viel Spaß, liebe Epicuria - ich werde meine schönsten Höhepunkte abrufen, sobald ich dich am Ring weiß ;-)

Erlesener Geschmack: Im Zusammenhang mit Wein sehr doppeldeutig, das Wort "erlesen"... Ich hab auch früher öfter mal beim Gabriel nachgeschaut, ob der Bordeaux, den ich grad getrunken hatte, eh gut war ;-)
(Was soll an Sattelschweiß. Linoleum, Teer, Blei, Tinte eigentlich so toll sein, dass man hunderte Eierleins für ein Flascherl hinlegt??)
Mittlerweile sind die Bordeauxs selten geworden, der Gabriel verstaubt in einem Karton im Keller (statt der Weine ;-)), und ich trink und sing, wenn mir danach ist, hihi!!

epicuria, 07.01.08 @ 14:21

geschmack....
soeben von überm großen teich zurück, frage ich mich, was wohl dort die prägenden prä- und postnatalen geschmackserlebnisse gewesen sein müssen, dass die mehrzahl der menschen den junk, den ich mit widerwillen geschluckt habe, tagtäglich ohne irgendein anzeichen von degout in sich hineinwürgen.
na, gottlob bin ich wieder in der heimat und kann mich zuhause in altösterreichischer zwiebel mit knoblauchküche mit ein paar anderen zutaten austoben :D - was sicher noch allemal gesünder ist, als das, was der durchschnittliche new yorker so auf die g'schwinde in sich hineinwürgt.
und sonst: ich freue mich auf die moderaten preise in ALLEN haubentempeln dieses landes. nochmals :D
und last but not least wünsche ich euch auch ein wunderbares jahr, angefüllt nicht nur mit genüssen der speisinger art.
ich für meinen teil höre mir herrn villazón im jänner gleich zweimal an. ekstase und heiserkeit sind angesagt.

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