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Das Weinlog

09.10.05 @ 23:19

Tempel des Apoll

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1643 Jahre ist es her, dass die Pythia nicht umhin kam, zu erkennen, das schöne Haus sei gefallen, Apollon besitze keine Zuflucht mehr, der heilige Lorbeer verwelke, seine Quellen schwiegen für immer, verstummt sei das Murmeln des Wassers. Auch die vielen anderen dem Gott der Wahrsagerei geweihten Heiligtümer wurden seitdem dem Verfall preisgegeben und dienen heute im besten Fall noch der Förderung des Fremdenverkehrs.

Doch, wie hierorts bereits zu lesen, war Apoll in der Zwischenzeit - allen Widrigkeiten zum Trotz - keineswegs untätig und erfand, nicht nur die 7/10tel Flasche sowie das Verkostungsglas sondern inthronisierte auch mit den internationalen Weinkritikern höchst erfolg- und einflussreiche Nachfolger der Pythien. (Dass letztere ihre Trancezustände nicht mehr mit Ethylengas herbeiführen und auch das mit der Jungfräulichkeit als weniger wichtig ansehen, tut hierbei wenig zur Sache.)

Nur die Tempeln gingen ihm dann doch irgendwann ab und er sann auf Abhilfe, die schlussendlich in Brüssel gefunden ward. Dort war man gerne bereit, Neubauten von Weinkellern, Verkostungsstüberln und Ähnlichem generös zu fördern, und stieß mit diesem Angebot bei (österreichischen) Winzern auf willkommene Aufnahme. So wurden mit Hilfe engagierter Architekten und kunstfertiger Handwerker Gebäude errichtet, in denen modernste Kellertechnik vom Feinsten und klimatisierte Hallen zur Aufbewahrung der Erfolg verheißenden kleinen Holzfässer dazu dienen sollen, der Produktion des - nun ja zumindest ursprünglich dionysischen - Getränks bestmögliche Randbedingungen zu bieten. Zusätzlich wurden (und das scheint der eigentliche Zweck der Bauten) Räumlichkeiten innen und außen edel und eindrucksvoll mit Glas, Holz, Stein und Metall ausgestattet, um (auch) dem gemeinen Volk die Möglichkeit zu geben, in angemessener Atmosphäre dem Götter- oder besser Gottestrank und damit Apoll selbst zu huldigen.

Die Priester dieser Heiligtümer werden sich davon (wie auch schon vor mehr als zweitausend Jahren) wohl auch selbst den einen oder anderen persönlichen Vorteil erhoffen.

Dass bei der Betrachtung dieser (meist relativ kleinen) Bauten sowie der Verkostung mancher der produzierten Weine gelegentlich der Eindruck entsteht, hier würde nicht nur versucht, Weine zu produzieren, deren Konzentration für deutlich größere Gebindegrößen ausreichen könnte, sondern auch der, dass die architektonischen Bemühungen ein Vielfaches an Grundfläche zu erfüllen imstande wären, wird der Gott der Mäßigung wohl eher zähneknirschend aber dann halt doch einfach zur Kenntnis nehmen.

Ein wenig unklar bleibt noch, weshalb Apoll gerade bei den österreichischen Winzern auf derart freudige Aufnahme stieß (sonst vielleicht noch bei einigen Spaniern und Italienern; die Kalifornier haben vermutlich einen anderen Zugang), denn die allermeisten französischen Winzer würden im Fall des Falles ihr Geld (und das der EU) dafür ausgeben, zusätzliche Weingärten in optimalen Lagen zu erwerben, als dafür, prächtige Bauten zu errichten.

Dem Architekturzentrum Wien ist dafür zu danken, eine Erfassung von zwanzig dieser neu errichteten Kultstätten zusammengestellt zu haben und bis 6. Februar 2006 der Öffentlichkeit zu präsentieren.


P.S.: Irgendwie scheint es Dionysos doch auch gelungen zu sein, seinen sabotierenden Kommentar zu den, in dieser - ansonsten technisch und darstellungsmäßig perfekt aufbereiteten - Ausstellung präsentierten, Prachtbauten unterzubringen: In einem eher unauffälligen Eck steht ein kleiner Fernseher auf dem kommentarlos und ohne Pause Folgen der aus den 80ern stammende Fernsehserie „Falcon Crest” laufen.

14 Kommentare | Kommentar abgeben

pastinake, 10.10.05 @ 15:45

Das Haus Hirtzberger
ist eines der schönsten der traditionellen Winzerhäuser in Österreich. Vor allem der Blick von der Gästetoilette auf die Lage "Rotes Tor" ist einmalig.
Ich habe ein Faible für moderne Architektur, manche der neuen Winzerhäuser sind mit jedoch zu "gläsern" und zu protzig. An Noapino anknüpfend: mir ist auch nicht wohl, wenn ich an die Unsummen denke, die da oft nur aus Effekthascherei verbaut wurden. Generationen vom Winzerkindern und Weintrinkern werden noch daran zahlen ....
Dass die Qualität des Weines sich nicht automatisch mit den Neubauten und den modernen Technikanlagen verbessert, ist am Beispiel Tement ersichtlich. Im Friaul ist Jerman so ein Fall.

andreasbigler, 10.10.05 @ 15:28

@ profiler
Ich bin auch ein 100%iger Österreich Freak, aber trotzdem möchte ich einen für mich schönen Betrieb nennen, der nicht in der Heimat ist:

Celler Vinos Piñol
Avda. Aragón, 9 · 43786 BATEA · Tarragona

Und die Weine sind auch erste Sahne, aber das ist ja nicht das Thema!

profiler, 10.10.05 @ 13:09

winzerarchitekten usw.
möglicherweise liege ich mit meiner vermutung völlig falsch, aber irgendwie regt sich in mir doch der verdacht, dass diese art sich selber denkmäler zu errichten eine flucht vor dem provinzialismus darstellt.
man heftet sich selber einen polyglotten orden, in form eines modernen zeitgemässen bauwerkes, an die brust und schon bildet sich eine aura der weltgewandtheit und des feinsinnigen kunstverständnisses.

nur,ich kann mir beim besten willen nicht vorstellen warum das architekturverständnis bei österreichischen weinbauern höher ausgeprägt sein soll als anderswo.

aber ich habe ein paar beispiele für potthässliche betriebsgebäude glänzender winzer auf lager:

bruno giacosa, neive
angelo gaja, barbaresco
armand rousseau, gevrey chambertin
alejandro fernandez, pesquera

und noch ganz unscheinbar und bescheiden wie sein charakter:

franz hirtzberger, spitz

gruss

noapino, 10.10.05 @ 13:09

Missgunst und Sorge?
Könnte es sein, dass aus den obigen Zeilen Missgunst und Sorge sprechen?

Missgunst, dass man als Steuerzahler und über den Umweg EU bereits ausgiebig die architektonischen Ambitionen einiger sogenannter Paradewinzer gefördert hat und Sorge, man müsse als Weinkonsument nunmehr auch noch mithelfen, den Kredit abzuzahlen. Und all das, ohne dass sich dadurch eine adäquate Qualitätsverbesserung der Weine ergäbe?

Immer mit der Ruhe: Gute Architektur ist ganz gleih wo auch etwas Erfreuliches und zumindest beim zweiten Teil des Beitrags zu ihrer Finanzierung besteht ja noch Entscheidungsspielraum.

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