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Tischgespräche

26.09.06 @ 09:12

Verlockungen ins Unförmige

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Peter1977 hat es schon als kleine Wehmutsanmerkung in seinem Beitrag zum ersten Thread formuliert: der Nachteil, nicht so viel Sport betreiben zu können, um eine schlanke Linie zu halten; der immer deftig zulangende Piccolo ist da wesentlich expliziter: „wenn schon halb Österreich adipositasbauchig herumrennt” - beide aber kreisen um ein durchaus diskussionswürdiges Thema (danke auch an Frau Generalgouverneurin): dass uns die Verlockungen des Essens und Trinkens nicht nur als Nahrhaftigkeit, sondern auch als Erkenntnisgewinn verkauft werden, als unabdingbare Betandteile von zeitgemäßem Lebensstil sowieso. Aber: wehe, Sie verlassen ihre schlanke Linie! Und wehe, sie schauen auf der Suche nach Aromenvielfalt zu tief ins Glas! Denn eines ist in der ständigen Anleitung zum Genuss nicht inkludiert: die Akzeptanz der Folgen. Allein das Schlagwort „Genuss ohne Reue” spricht für sich. Dem aber setze ich dieses herrliche „einmal so richtig sündigen” im Sinne von grenzenlosem Schlemmen entgegen, und freilich: danach kommt die Reue, aber die beiden bedingen einander, und in der Reue (vulgo Kater) wird erst die Kraft und auch, ja, Herrlichkeit der Sünde offenbar.

Beim Alkohol, des Österreichers liebster Droge, lässt man ja noch Nachsicht walten; versierte Weinfreunde auch im Öffentlichkeitsbereich dürften offenbar die zungenschlagsfreie Sprechtechnik beherrschen. Aber das Leben in der Kategorie 100+ (ja, irgendwann wird man zu Kategorie und ist nicht mehr Mensch) sieht eher trist aus. Gerade gestern Abend, Sohn zappt sich durchs Programm, bleibt hängen bei „Du bist, was du isst”: und mit einer Bevormundung ohnegleichen, fernsehkameradiffamiert, muss der Schweinsbraten- und Bierfreund sich Schimpf und Spott gefallen lassen (ein Masochistenbröckerl?) und gar – ich dacht’, ich säh' nicht recht! – anhand von Bildern auf Karten über die Konsistenz seiner Ausscheidungen Bescheid geben!

Aber auch in meinem Größe 36 tragenden Freundinnenkreis, begnadete Köchinnen alle, ist der klagende Griff zu den „Wuppeln” um die Hüften fixer Bestandteil von Essritualen. Ganz ins Pathologische aber will ich hier nicht weiter abschweifen. Der Widerspruch von *gut Essen und Trinken als gesellschaftliche Forderung* und der Pönalisierung der Folgen daraus ist evident. Und: auch ausgewählte Speisenfolgen haben ihre Folgen. Und: permanentes Maßhalten ist auch ein Widerspruch. Zum Genuss.

16 Kommentare | Kommentar abgeben

PICCOLO, 03.10.06 @ 14:07

...und ´niada a norr...
War heute im C&C Markt, die Sendung von Radio Oberösterreich über die jetzt vieldiskutierten Transfette im Ohr und habe einen bekannten Wirt gesehen. einen jener Kapazunder der früher voll auf Haubenniveau war und jetzt als Vordenker der cuisine terroir vorkommt. In Boulevard - Presse und so, wo ich halt den Kopf beutle. Einer der, weil ich ihn gut kenne, seine Lehrbuben wegen jeder Kleinigkeit hinausschmeißt und schlecht zahlt.
Er hatte viel Transfett dabei! Mahlzeit!

5622, 03.10.06 @ 13:14

a jeder is zum hom...
ich erinnere mich noch immer gerne mit einem schmunzeln an die europameisterschaft im kicken für haubenköche. die fand vor ein paar jahren in der nähe von reims statt. meine favoriten waren die holländer (österreich wurde übrigens dritter, dank der schussgewalt von martin sieberer und der taktischen weisheit von coach rudi obauer).
alle teams hatten natürlich sponsoren auf ihren trikots. die österreicher "san pellegrino", die franzosen "laurent perrier", die italiener auch irgendwas edles... die holländer aber waren der brüller. die hatten mc donalds, was nicht wenige der haubenköche mit einem nasenrümpfen quittiert haben. ich fand die oranjes großartig. weil sie auch eine plausible erklärung parat hatten: "die haben mit abstand am meisten bezahlt", zu guter letzt regelt eben immer das geld alles von allein. frei nach tim mälzer: "schmeckt nicht gibts nicht" ;-))
bye, bye: fahr jetzt zum koch meines vertrauens, der mir das gulasch, schnitzel- und beuschelkocken beibringen will. ich bring ihm dann bei, wie man das zeug isst...

PICCOLO, 02.10.06 @ 23:25

ad... @
Elvis Presley hatte 1974 irgendwo in Iowa eine Auftritt. Am kleinen Flughafen, bevor er startete bestellte der King sich an einer Bude ein Sandwich. Der Elvis - Fan der des Kings Leidenschaften für fettes Essen kannte, fertigte eine etwa 3 Fuss lange und ein Fuss breite Weissbrotstulle, vollgepackt mit einen dutzend Hamburgern, Zwiebeln, Bananen und einigen Würzsoßen. Das Sandwich soll cirka 35000 Kalorien zusammengebracht haben. Jedenfalls hat der King sich dann regelmäßig die Sandwiches von dort nach Las Vegas per Jet holen gelassen. Als er dann völlig erschöpft im Krankenhaus gelegen hat, erpresste er seine Bandmitglieder, wenn sie ihm nicht solche Speise besorgten, werde er sie feuern....Dann hat der Herr ihn erlöst.

Man kann schon Kochbücher schreiben wie man will, die betreffenden Personen lesen das ohnehin nicht. Das sind einfach Notizen zum Zeitgeist und werden späteren Generationen vielleicht ein völlig komisches und wirres Bild unserer Zeit zeigen. So schlimm ist es aber nicht.

Ich darf an das Kochbuch für Stümper erinnern, das kein Speisinger kennt. Ich mache auch keine Werbung für irgendwelche Verlage hier. Oder das Kochbuch vom DJ- Ötzi oder andere Promiwerke. Das sind alles völlig ungeordnete Angelegenheiten mit denen man das Essen sowieso verlernen kann...

Bein Kochen gilt der anarchistische Ansatz: Tu was du willst - niemals.

Viele Grüße !

-ad-, 02.10.06 @ 12:04

fressen gegen die unterdrückung
Ich darf an dieser Stelle vielleicht auf den Magazinbeitrag unseres Bürgermeisters hinweisen, der vielleicht übersehen wurde:

http://www.speising.net/news/?ID=47152#47152

Weg von der Verwissenschaftlichung in Transfetten (auch wenn ich daraus wertvolle Hinweise zu meinen persönlichen Unverträglichkeiten finde) hin zur frechen Gegenposition: ist das so verwerflich?

PICCOLO, 30.09.06 @ 16:05

Fasttag und Transfette
Ich habe noch erlebt, daheim ca 1960 da war der Freitag unbedingter Fasttag. Am Abend gab es dann eine mit altem Brot eingebrockte Suppe oder türkischen Sterz, ab und zu Grießkoch mit viel Butterschalz obenauf und Zimt. Keinesfalls Fleisch.
Wenn man bloß auf eine Mahlzeit pro Tag verzichtet wird man viel erreichen.
Autofreier Tag wäre schwieriger.

Bei den "Transfetten" zeigt es sich wie die gegenwärtige Kochkunst vielleicht schiefläuft. Man muß das Zeug gar nicht erst kaufen. Transfett entstehen zum Beispiel beim Erhitzen und leider muß man es erwähnen, ganz sicher beim Hochgeschwindigkeitspürieren, da nützt das beste Olivenöl nichts wenn es mit 9000 Touren verschleudert wird, daß die heiklen Fettsäureverbindungen ihren Geist aufgeben.
Die ganz modernen Kochakrobaten erzeugen sich den Schmuß bei zusammengstoppelten Rezepten. Ich weiss ein ganz aktuelles Süßspeisenbuch wo man von fast jedem Gebäck mit Fett drin horrendes Sodbrennen bekommt. Aber das ist nicht das einzige, wer empfindlich ist kann kaum ein Hefe - Fett Gebäck aus dem Handel verspeisen.

Dem Wampenwuchs fördern natürlich auch diese modernen denaturierten Rahmersatzprodukte die höchst populär geworden sind, weil sie "säurebeständig, gut haltbar und personalsparend sein sollen.... Alles was ein moderner Gastronom halt heute braucht..

Ich wünsche Euch einen festen Sonntagsbraten. Nach einer Woche nur mit Körndln ist das kein Problem...

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