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Tischgespräche

28.04.07 @ 16:13

Männer essen Mittags

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Irgendwann, High Noon in einem eleganten Restaurant nahe einer Landeshauptstadt. An den Tischen ausschließlich Anzugträger, die sich nach einem kurzen „Des isch a guet” gleich wieder dem Wesentlichen des Lebens zuwenden, Finanztransaktionen, grenzüberschreitend; wenn ich wollte, könnte ich alles mithören, aber ich bin viel lieber den Hechtbällchen auf filigranem Radieschen-Gurken-Karottensalat zugewandt, der leichtesten Erbsensuppe meines Lebens, dem Andelsbuchener Kalb unter Pinienbröselkruste. Ich wundere mich über die Offenheit, wie da delikate Geldgeschäfte in durchaus verständlicher Zimmerlautstärke verhandelt werden, der Elton-John-Verschnitt und der joviale Bankbeamte mit Zahlen jonglieren, immer wieder ein vertrauensvolles „Ach, Sie machen das schon” durchblitzt.

Ich frage mich: sind Restaurants ab einer bestimmten Kategorie mittags vor allem den Business-Gesprächen vorbehalten, die ihrerseits mehrheitlich von Männern geführt werden, was wiederum zu Männerüberschuss bis –ausschließlichkeit in diesen gastlichen Stätten führt? Und ist meine Erwartung, man ginge essen, um zu essen und dabei dem Essen den Respekt zu erweisen – vielleicht n a c h den Gesprächen – eine so naive?

(Zu „Essen gehen und Respekt” wird es, so es der speising-relaunch-Gott will, noch einen Eintrag geben).

11 Kommentare | Kommentar abgeben

OberkllnerPatzig, 01.05.07 @ 21:18

... ich kann da nicht mit.
Sorry, aber was am Nachbartisch erzählt wird, ist mir gleich. Ich lausche auch nicht und hoffe, auch nicht belauscht zu werden.

Gute Gespräche sind selbst am eigenen Tisch in der Regel rar, noch lange kein Grund, diese an Nachbartischen zu erwarten oder gar zu suchen.

Genau diese Kunst, zu erst akustisch zu kiebitzen, dann unter Vorwand sich einzubringen um zügig am Nachbartisch Platz zu nehmen und sich zu integrieren, ist ein Privileg echter Tschecheranten, Achtelbeisser und Teestubenadoranten. Dort sollte diese, mir durchaus sympathische Kunst aber auch bleiben.

Ich selber esse lieber still, bin daher auch immer als erster fertig. Ich konzentriere mich eben auf das Gericht. Und für ein gutes Gespräch ist eine Form der Selbstkontrolle notwendig, die kaum wer beherrscht: Mund halten! Ich wünsche mir nur 1 Gespräch, das von allen am Tisch geführt wird. Ich stelle regelmäßig verärgert fest, dass ein jeder, der Lust hat, ein neues Thema mit jemand anderen vom Tisch beginnt, sowie er entweder nichts zum aktuellen Thema zu sagen weiss, sich langweilt oder sonst etwas. So entstehen in einer Runde von 6 Tischgenossen unter Umständen 3 Dialoge, elend.

Auf die erste Frage von AD: Nein, diese Lokale sind nicht nur diesen Männern vorbehalten - es geht halt sonst niemand hin.
Und Frage Nr. 2: Ja, diese Vorstellung ist naiv. Für sehr viele Menschen bedeutet essen, den Hunger zu stillen - und nicht mehr.

karlheinz, 01.05.07 @ 14:20

....sondern eine bühne.
wenn ich mitten in einem 16-stunden-arbeitstag bin (was, gott sei dank, nicht die norm ist), habe ich gar keine lust auf ein mittagessen. ich habe weder hunger noch kulinarisches begehr.
dementsprechend ergeben sich mittags - gespräche eher in einem park (wenns warm genug ist) bei einem flascherl wasser. ansonsten gibts auch bescheidene ecken in irgendwelchen foyers.
dass aber die mitwelt an derart entstehenden "talks" teilhabend wird, ist aufgrund der akustischen grundlage verbaler kommunikation nahezu unumgänglich (ich könnte versuchen, gebärdensprache anzuwenden, das zieht aber die aufmerksamkeit der umgebung noch mehr auf sich).

ärgerliche inhalte abgehörter gespräche erhalten ihr emotionales potential andererseits auch zu einem hohen prozentsatz durch die inten(tion)sität des belauschens.
will ich es, kann ich sehr gut weghören. ansonsten muss ich mich mit der rolle des publikums anfreunden, denn durch mein (auch körpersprachlich) interessiertes lauschen ist der sprechenden position im lokal nicht tisch....

...sondern eine bühne.

und auch: zum ungemütlichsten überhaupt gehören jene momente, in denen so manch lokal aufgrund gesellschaftlicher unsicherheit zum tempel des schweigens wird.
pst!

Russell, 30.04.07 @ 11:08

Wofür man Geld ausgibt
Ich gehöre auch zu denen, die beim Mittagessen - auch beim Abendessen - viel oder nur über das Geschäft reden können. Wenn der reichste Mann in meiner Branche Pizza und Cola als das Erstrebenswerteste ansieht, ist das wohl gar nicht so abwegig. Wenigstens gönne ich mir dann einmal Taubenkobel für mich allein und konzentriere mich voll aufs Essen, wenn's gerade so schön am Weg liegt.
Tolle Restaurants sind Convenience, oder wie soll man das anders ausdrücken: "nicht-Störfaktoren, Gleitmittel, Verführungsarsenale".
Um ein gutes Gespräch zu führen, bei dem es etwas zu erobern oder zu verkaufen gilt, es kann sich auch um ein Defensivgespräch handeln, versuchen wir, die Atmosphäre so angenehm wie möglich zu gestalten. Wahrscheinlich ist die Bedienung wichtiger als die Speisen und Getränke. Die dienen lediglich zur Übertragung. Suche ich ein gutes Lokal aus, bedeutet das Wertschätzung für den Gesprächspartner und kann auch zur Übertragung führen: meine Qualitäten sind so gut wie die des Lokals.
Wenn wir bedenken, wieviele Manager außer dem Managertum keine Interessen als Fussball und Kegeln kennen, dann ist es doch schon von Vorteil, wenn der Gesprächsstoff nicht ausschließlich um Fussball und vielleicht noch Autos kreist sondern sinnvoll genutzt wird.
Im Prinzip ist das gute Speiselokal einer Couch beim Psychiater vergleichbar. Jeder Gesprächspartner will den anderen soweit einlullen, dass er für möglicherweise strittige Themen offener wird.
Ich kenne auch Manager, die sich mittags nie die Zeit nehmen würden, die man für eine anständige Mahlzeit aufwenden sollte, die das einfach für Zeitverschwendung hielten.
Wenn ich auf eigene Kosten speise, tue ich das lieber mit Freunden als mit Geschäftspartnern. Wenn ich aber auf Spesen speise, dann wird irgendwann Rechenschaft gefordert, warum ich gerade die oder jene Bewirtung verrechne. Für die Lokale ist das sicher ein Vorteil, weil der Durchsatz sonst sehr mager wäre. Es erscheint mir also sehr klar, warum man hauptsächlich geschäftliche Gesprächsstoffe vernehmen kann.
-
Noch eine andere Art der Übertragung fällt mir ein. Zu Zeiten, als ich viele Besprechungen in Restaurants hatte, war ich zum Personal immer besonders freundlich. Die beim nächsten Besuch entgegen gebrachte Achtung hielt ich ebenfalls für geschäftlich erstrebenswert.
-
Und zum Gesprächsstoff beim Essen überhaupt:
Ich komme aus einer Familie, in der gelehrt wurde, dass man beim Essen nur über das Essen sprechen sollte, obwohl wir damals nicht besonders gut situiert waren und das Essen oft durchaus einfach war. Ich kann mich an meine Verwunderung erinnern, wenn ich feststellte, dass in französischen Filmen besonders oft bei Tisch politisiert wurde.

5622, 30.04.07 @ 10:54

die wirte sind schuld!!!
lokale sind eben heutzutage kein ort des geselligen beisammenseins mehr, sondern eine bühne.

neulich in paris (aber immer wieder zu beobachten) im café deux magots: es ist heiß, an den tischen sitzen junge burschen, deren schwarzer rollkragenpulli sie als intellektuelle ausweist. ihre notizblöcke sowieso.

eine frau zeichnet in der ecke, dann kritzelt sie wieder irgendwas in einen anderen block. da und touristen, die verstohlen fotos machen, um ihren lieben daheim zu zeigen, dass sie im selben café saßen, wo auch dem sartre nur gescheite sachen eingefallen sind.

daheim in salzburg ist's nicht anders. jeder gang in ein lokal ist eine selbstdarstellung, jeder spielt seine rolle. da sind die jungmanager, da die aufreißer, da die tussis, dort die adretten pr-agentinnen - alle entsprechen dem gefönten zeitgeist.

einer schreit laut in sein handy wie wichtig er ist. wenn ich ihn bitten würde, die klappe zu halten, stelle ich mich auf die gleich stufe wie er. also zieh ich irgendwann genervt nach hause.

der bigler andi hat schon recht: wenn wir in diesen fragen so konsequent wären, wie bei der raucher-diskussion, dann müssten wir diese nervensägen auch alle aussortieren.

wer ist schuld an dem dilemma? nicht böse sein, liebe wirte: ihr seid es!

ich kenne genügend lokale, in denen die gastgeber etwa ihr handy-verbot mit nachdruck durchpeitschen. aufgeblasene gockel müssen auch nicht hofiert werden. da verliert man vielleicht den einen oder anderen gast: aber auf dauer kriegt das lokal einen guten charakter

wie das in der praxis aussehen kann? dazu ein etwas überzogenes beispiel:
mittagessen mit einer pr-tussi beim italiener meines vertrauens in sbg.: nach dem essen besellt sie einen capuccino. er: "Kriegst du von mir nur eine espresso nach die esse"
sie: "ich bin die, die zahlt. also bringen sie mir einen capuccino"
er: "isse egal wer bezahle. abe kaffee mit milk trinke nach die esse nikt amal eine sau"
sie trank dann einen espresso, bezahlte und ist heute stammgast. weil sie hier italienische lebenskultur vermittelt kriegt - sagt sie heute...

dfw, 30.04.07 @ 09:40

DÄMlich
Am Nebentisch, im Mumok, fast auf Tuchfühlung. So um ca 13 Uhr.

Die Eine, Mitte 30, dunkelblond, Hosenanzug anthrazit, Laptop, Handy.
Die Andere, Mitte 30, brunett, Kostüm schwarz, Laptop, Handy.

Ich: "Stört sie mein Hund eh nicht?"
Die Andere: "Nein, geht schon; aber Hunde gehören eigentlich nicht in ein Restaurant."

Die Eine bestellt Ruccolasalat. Leitungswasser. Grana gehobelt. Pfeffermühle.

Die Andere Schinkenfleckerl, nein doch lieber den Tafelspitz. nein, wissens was, bringens mir auch den Salat, aber ohne Grana, nur a bissl Zitrone. Und stilles Mineralwasser, und a bissl Zitrone hinein. nein, bringens mir die Zitrone extra. ich mach das selber.

Die Eine: Du, I muss dem (Name versteh ich nicht) schnell ein sms schicken. Dauert nicht lange.

Die Andere. Du, du mußt mir dein Handy borgen, meins spinnt seit heute. Dabei hat's mir der Dany (den Namen versteh ich) erst letzte Woche geschenkt. I kenn mi bei dem modernen Zeug nie aus. Aber i muss dem Unterhuber in Dubai (der Name ist deutlich zu verstehen, ich kenne eine Unterhuber, der ist aber nicht in Dubai, heute, sondern in Abu Dhabi) dringend ein sms schicken. Derf i des eh?. Ich zahl dafür heute.

Die Eine. gleich, lass mich mein sms zuerst schreiben, das ist wichtig.

Später stochern beide im Salat. Und reden und reden. Über was? Ich hab keine Anhnung. Über interdepente Relevanzen von irgendwas. Über einen IPO (ei pi ohh) oder so. Aber überhaupt nix Intimes. Das hätt mich vielleicht interessiert.
Oder doch, die Eine oder war's doch die Andere fliegt demnächst nach London, trifft dort vielleicht den Ex-Mann. Der arbeitet bei Merryl Lynch.
Was sie mit dem Ex-Mann vorhat, habe ich nicht mehr gehört. Mein Hund wollte gehen. Dem war fad. Ich zahl (17.90, also 20,00).
Noch einen schönen Tag, sag ich. Den Gruß quittieren beide entgeistert mit einem kurzen Blick.

Im Mumok ist die Frauenquote repräsentativ jener in den Managementetagen.

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